Predigt zur Neugestaltung von Kirchenportal und Kirchvorplatz
Neulich sah ich eine junge Frau auf den Stufen des Kirchvorplatzes sitzen,
die mit ihrem Handy beschäftigt war, vielleicht eine SMS schrieb.
Warum sie sich gerade diesen Ort dafür ausgesucht hatte, weiß
ich nicht, aber offensichtlich hat sie sich dort wohlgefühlt.
Ähnliches kann man in letzter Zeit häufiger beobachten:
Man sieht Erwachsene auf dem Platz zusammen stehen, ins Gespräch
vertieft oder die Kirchentüren betrachtend, Jugendliche versammeln
sich dort mit ihren Fahrrädern, Kinder laufen die Linien im Pflaster
entlang oder balancieren auf dem schon früher so beliebten Mäuerchen.
Ganz offensichtlich halten Menschen sich gern hier auf, ob sie mit unserer
Kirche etwas zu tun haben, oder nicht. Sicher hängt das damit zusammen,
dass man schon auf den ersten Blick wahrnimmt: Es ist schön geworden.
Das sagen auch die vielen positiven, zum Teil begeisterten Reaktionen, die
uns in letzter Zeit erreicht haben. Wo vorher galt: "Innen hui, außen
pfui", ergeben nun das Innere und das Äußere der Kirche endlich
ein aufeinander bezogenes Ganzes, sind eine Einheit geworden. Und es ist nicht
nur sehr viel schöner geworden, man kann nun auch in die Kirche eintreten,
ohne sich an provisorischen Stützen vorbeizwängen zu müssen, eine
Stufe zu überwinden, oder Gefahr zu laufen, über schiefe Gehwegplatten
zu stürzen.
Das allein ist eigentlich schon viel, aber es ist noch längst nicht alles.
Die Kirche ist nicht nur besser zugänglich geworden, sie hat nicht nur ein
neues, anziehendes Gesicht bekommen, sie hat auch begonnen, zu sprechen. Ich
vermute, dass dies ein weiterer Grund ist, warum sich viele von diesem Platz
angezogen fühlen. Denn wo man früher lediglich eine normale
Eingangssituation vorfand, da werden jetzt Zeichen sichtbar - Symbole, die sich
nach und nach erschließen. Das allein ist schon eine Aussage, ist von
Bedeutung. Man kann den Glauben ja verstehen als Entzifferung des Lebens. Das Leben
immer wieder neu lesen zu lernen und insbesondere die Rolle, die Gott darin spielt,
die Zeichen zu deuten und sie als Zeichen der Gegenwart Gottes zu erkennen - das
bedeutet, zu glauben. Das ist der Grund warum die Kirche von Anfang an auf die
Kunst gesetzt hat, denn beide sind seit alters her Geschwister.
Der Vorplatz ist gegenüber früher angehoben worden, die Stufen sind zum
Gehweg vorverlagert. Dadurch entsteht ein erhöhtes Areal, ein Bezirk, der
herausgehoben ist aus dem Alltägli¬chen. Man fühlt sich an einen heiligen
Bezirk erinnert, wie er z.B. den Tempel in Jerusalem umgab. Die Kirche selbst aber
betritt man nun ebenerdig. Sie steht nun wirklich auf der Erde, mitten im Leben
Entstanden ist eine Art Piazza, die übrigens mit der gitterartigen Struktur
im Pflaster die ur¬sprüngliche Planung aus dem Jahr 1958 wieder aufnimmt. Wer
in Rom schon einmal auf dem Kapitol, dem Platz am Forum Romanum gestanden hat, mag
sich daran erinnert fühlen. Zum italienischen Eindruck trägt auch bei,
dass unser Turm - oder sollte man sagen: der "Campanile" - nun auch optisch
wirklich auf dem Platz steht.
Besonders aussagekräftig ist natürlich das neue Portal. Auf den ersten
Blick nimmt man einzelne Buchstaben wahr, aus denen sich nach und nach lateinische
Wörter bilden. So wird schon beim Eintreten in die Kirche klar: In diesem Haus
geht es um das Wort. Wir werden eingeladen, zu hören, denn vom Hören lebt
der Glaube.
"Im Anfang war das Wort" - so hören wir am ersten Weihnachtstag im
Evangelium. "Im Anfang war das Wort" - und nicht die Wörter. Wir alle
sind in unserer Zeit einem beständigen Wörterschwall ausgesetzt.
Fortwährend will etwas unser Ohr erreichen und nicht nur der email-Verkehr,
unsere ganze Lebenswelt ist komplett "spamisiert". Da ist es umso wichtiger,
in den Worten, die nur so dahingesprochen sind, die Worte zu finden, die mich wirklich
betreffen, die wesentlich sind, die helfen. "Meine Worte", so sagt Jesus
im Markusevangelium, "werden nicht vergehen". Auf sie könnt ihr euch
verlassen. Dass die Worte auf den Türen aus dauerhaftem, quasi unvergänglichem
Edelstahl geformt sind, ist deshalb eine gute, eine zeichenhafte Wahl.
Das ist auch deshalb so, weil die Türen nicht nur dauerhaft sind, sondern zugleich
transparent. Es spiegelt sich darin die Wirklichkeit der Welt. Das Lichtspiel der Ampel,
die Scheinwerfer der Autos, erzeugen einen ständig wechselnden Widerschein. Das
Pulsieren des Lebens, das Unterwegssein der Menschen bildet sich ab. Und nicht nur das
- wer vor den Türen steht, wird selbst einbezogen in dieses Spiel, kann sich selbst
darin erkennen. So wird deutlich: Es geht in diesem Haus nicht um abstrakte, weltfremde
Theorien, um eine andere Welt, die mit der uns¬rigen nur wenig gemeinsam hat. Sondern es
geht um diese unsere Wirklichkeit, es geht um mich. Ich selbst bin gemeint, mit allem,
was ich an Sorgen und ängsten mitbringen mag. Gott meint mich und er spricht mich an.
Und vor ihm darf ich mich getrost anschauen lassen, mich getrost auch selbst anschauen,
ohne irgendetwas verstecken. Ich darf sicher sein: Er meint es gut mit mir.
Diese Aussage wird noch konkreter, wenn man den Sinn der Buchstaben und Worte kennt.
Viele haben am Anfang dagestanden und gerätselt, was diese Wörter bedeuten
könnten. Eini¬gen ist es sogar gelungen, sie zu entziffern. Es ist der Beginn des
"Salve Regina", dieses klas¬sischen Hymnus aus dem 11. Jahrhundert, der die
Gottesmutter Maria besingt und der die Vesper als Abendgebet beschließt. Sie finden
ihn im Gotteslob auf Latein und Deutsch unter den Nummern 570 und 571. "Salve, Regina,
mater misericordiae, vita dulcedo" lauten die ersten Worte: "Sei gegrüßt,
o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne."
Schon bevor man an das Portal gelangt, ist man auf eine Marienstatue getroffen - die
"Porte du Ciel", die "Himmelspforte" von Jean Ipoustéguy. Gerd Winner
hat nun mit den Türen eine eindrucksvolle Fortsetzung dieses Gedankens geschaffen.
Wie Maria am Beginn des irdischen Lebens Jesu steht und damit am Beginn des Weges zur
Erlösung, zum Himmel, so verweisen auch die Kirchentüren auf das, was wir drinnen
erfahren können. Sie sind wirkliche Himmelspforten. Zwar würde niemand behaupten,
dass der Kirche schon den Himmel darstellt, vor allem im Winter nicht, bei doch sehr
kühlen Temperaturen. Aber es ist ein besonderer Ort, an dem wir Gott begegnen, der
im Getriebe des Alltags den Himmel offenhält. Und jede Messe, die wir hier feiern,
wenn wir Gottes Wort hören und die Kommunion empfangen, ist so etwas wie ein Vorgeschmack
auf das, was wir erwarten dürfen. Die Zeit im Kirchenjahr, in der wir uns gerade befinden,
der Advent, will uns immer wieder neu dafür öffnen.
"Misericordia" - "Vita" - "Dulcedo": Mitleid, Leben und Wonne -
das sind die Worte, die uns empfangen. über ein halbes Jahrhundert sind Menschen durch
das alte Portal in die Kirche eingetreten. Hoffentlich ebenso viele Jahre und noch mehr werden
Menschen durch das neue Portal treten. Sie werden dabei einiges mitbringen und in die Kirche
tragen: Die Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen der letzten Zeit, Freude und Begeisterung
auf der einen Seite, Trauer, Angst und Schmerz auf der anderen. Das Portal macht deutlich:
Das alles hat in diesem Haus einen Platz. Wer Mitleid nötig hat, der trete ein. Wer nach
einem Leben sucht, das diesen Namen wirklich verdient, der trete ein. Ebenso wer voll Freude
oder Wonne ist und Grund zur Dankbarkeit hat. "Misericordia" - "Vita" -
"Dulcedo" - Mitleid, Leben und Wonne, das ist, was wir erwarten dürfen.
Der Kirche wird oft nachgesagt, dass sie vor allem für die Menschen da ist, die
bestimmten Ansprüchen genügen, deren Leben nach kirchlichen Maßstäben
einigermaßen geordnet ist. Diese Tür soll offen sein, offen für alle.
Und so ist der neugestaltete Platz mit seinem Portal mehr als eine gelungene gestalterische
Lösung einer Eingangssituation. Sie ist zugleich ein Programm für Kloster und
Gemeinde: den eigenen Glauben als eine Einladung für andere zu verstehen. Niemanden
auszugrenzen, sondern offen zu sein für das, was Menschen bewegt, besonders für
das, was Menschen an diesen Ort führt. öffnen wir also unsere Türen!