|
"AM ANFANG HABE ICH IHN RICHTIG GEHASST"
Erfahrungen von Eltern mit einem schwulen Sohn.
von Hans Albert Gunk OP
|
|
:: |
Das kann doch nicht sein |
|
|
"Er wirkte immer so bedrückt. Ich fragte vorsichtig, was denn los sei
und bekam nur ausweichende Antworten. Fast jeden Tag bekam er Post. Nie sah ich
einen dieser Briefe irgendwo liegen. Offensichtlich versteckte er sie. Dabei hatte
er doch sonst keine Geheimnisse vor uns. Sein Bruder ließ selbst seine
Liebesbriefe in der Wohnung herumliegen.
Wir haben die Privatsphäre unserer Kinder immer respektiert. Jetzt aber habe
ich mir Sorgen gemacht. Ist er irgendwo hineingeraten? Hat er was mit einem
Mädchen gehabt? Ist ein Kind unterwegs? Irgendwann hielt ich es nicht mehr
aus. Ich fand einen der Briefe in seinem Zimmer und las ihn - es war ein Liebesbrief
von einem Mann.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Habe mich geschämt, weil ich so indiskret
war. Konnte es einfach nicht glauben. Unser Martin ein Homosexueller? Das kann doch
nicht sein! Es war aber so. Der Brief war zu eindeutig.
Ich habe allen Mut zusammengenommen und ihn angesprochen. Wir haben uns in den Arm
genommen und zusammen geweint. 'Warum hast du denn nichts gesagt?' frage ich. 'Ich
habe nicht gewußt, wie ich euch das erzählen soll', ist seine Antwort"
So wie Frau Lenz beschreiben viele Eltern ihre erste Reaktion auf die Nachricht: Unser
Kind ist homosexuell, schwul oder lesbisch. Unfaßbar! Lieber Gott, mach, daß
es nicht wahr ist! Eine Welt bricht zusammen.
Selbst Eltern mit einem liberalen und aufgeklärten Selbstverständnis erzählen von
dem Wechselbad der Gefühle, in das getaucht sind.
|
 |
:: |
Vorwürfe |
|
|
Was haben wir falsch gemacht? Wer eine Gruppe von Eltern homosexueller Kinder besucht,
begegnet dieser Frage immer wieder. Dahinter steht der Versuch, das Unerklärliche
und bedrohlich Fremde zu verstehen und einzuordnen sowie die Hoffnung, eventuell
'dagegen' etwas tun zu können. "Vielleicht hätte ich ihn härter
anfassen sollen?" fragte sich Frau Lenz. "Oder ihn in der Erziehung mehr
fordern? Habe ich als Mutter versagt?" Nicht selten entstehen Konflikte und
Schuldzuweisungen unter den Ehepartnern. Dorit Zinn schreibt im Rückblick:
"Den nächsten Tag verbringen wir im Garten. Alex schleppt Berge von
Büchern heran, Fichte, Thomas Mann, Pasolini, Schwulenliteratur über
das Coming out. Und wir Eltern verhalten uns genauso hilflos, wie wir später
in Büchern nachlesen können. Die Gene, sage ich, es ist sicher vererbbar.
Ich schaue Konrad, meinen Mann triumphierend an. In deiner Familie gibt es doch
einen Schwulen? Die zu starke Mutterbindung, straft Konrad zurück, warum
mußte er auch immer mit Puppen und Mädchen spielen und zum Fasching
Frauenkleider tragen? Ich martere den Rasen mit meinen Füßen,
reiße einer Dahlie Stück für Stück die Blütenblätter
aus. ... Vielleicht, sagen wir immer wieder beschwörend, vielleicht bildet
er sich das alles doch nur ein." (2)
|
 |
:: |
Entäuschte Erwartungen - durchkreuzte Pläne |
|
|
Alle Eltern entwickeln bewußt oder unbewußt Phantasien und Pläne
über die Zukunft ihrer Kinder.
Eines Tages werden sie eine nette Frau oder einen sympathischen Mann kennenlernen,
heiraten und Kinder - Enkelkinder! - bekommen. Der 'normale' Weg ist die
Heterosexualität und die Vorlage dazu aus der eigenen Biographie und dem
gesellschaftlichen Männer- und Frauenbild, wie es mannigfach durch Schulbücher,
Werbung, Filme und Literatur vermittelt wird, bekannt und vertraut. Ein schwuler Sohn
und eine lesbische Tochter stellen alles in Frage. Das eigene Kind erscheint fremd
und unvertraut. "Er ist anders als die Anderen," antwortet Frau Lenz auf
die Frage, was es denn für sie so schwer macht. Mit dem "Anders-Sein"
verbindet sich für die Eltern die Zugehörigkeit zu einer ihnen verschlossenen
Welt mit eigenen Gefühlen und Empfindungen, einer eigenen Subkultur mit
angstmachenden Ritualen und Erlebnismöglichkeiten, einer in der Phantasie mit
Ekelgefühlen besetzten Sexualität. Es erscheint fast normal, daß Eltern
mit heftiger Abwehr reagieren.
"Als ich es erfuhr, gab es ein Donnerwetter. Ich war 100% dagegen und stocksauer."
Herr Lenz macht keinen Hehl aus seinen Gefühlen, die er damals hatte. "Was
weiß man denn schon darüber? Die Schwulen, das sind die 175iger, die kleinen
Jungens nachsteigen und sich auf öffentlichen Toiletten rumdrücken. Beim
Militär hätten die keinen Stich gekriegt. Und nun sollte mein Sohn auch so
einer sein. Ich habe ihn angeschrien: Wenn Du so einen hier mitbringst, schmeiße
ich Dich raus."
In der spontanen Reaktion kommt der durch eine mehr als zweitausendjährige
christlich-jüdische Tradition geprägte tiefsitzende Affekt gegenüber
homosexuellem Verhalten zum Audsruck, der bis in unser Jahrhundert hinein das Denken
und Empfinden gegenüber Schwulen und Lesben bestimmt hat. Wie eine Zusammenfassung
des kirchlich-gesellschaftlichen common sense aus der Mitte des 20. Jahrhunderts lesen
sich die Bemerkungen des Moraltheologen Bernhard Häring aus dem Jahr 1957:
"Die pervers Veranlagten sind vielfach durch ein verfehltes, ungezügeltes
Leben oder durch psychische Defekte in ihrer sittlichen Freiheit und Verantwortlichkeit
gehemmt. Aber ihre Veranlagung als solche entschuldigt sie nicht, ebensowenig, wie die
natürliche Leidenschaft den Unzuchtssünder freispricht. Sie sind nach dem
Maß der noch vorhandenen Freiheit verantwortlich." (3)
Damit sind die wesentlichen Stichworte genannt, die das Alltagswissen vieler Menschen
über Homosexualität und homosexuelle Menschen auch heute noch prägen:
Perversion, ungezügelte Triebhaftigkeit und psychische Defekte. Weibliche und vor
allem männliche Homosexualität gehören in den Bereich des Unnormalen,
des Pathologischen und Kranken.
Die gutgemeinte, aber auch hilflose Aufforderung von Eltern, einen Arzt oder Psychologen
aufzusuchen, wird von dem schwulen Sohn bzw. der lesbischen Tochter in der Regel als
Diskriminierung und Ausdruck mangelnden Verständnisses empört zurückgewiesen
und sorgt für zusätzlichen Konfliktstoff. "Versteht doch, ich will mich gar
nicht ändern. Ich weiß schon lange, daß ich so bin und so empfinde und
bin glücklich damit."
Fällt das Coming out in die Zeit der Berufsfindung, können die beruflichen
Vorstellungen des Kindes zusätzlich zu Auseinandersetzungen führen.
"Plötzlich kam er damit, daß er die Schule abbrechen will, kurz vor dem
Abitur. 'Das liegt mir nicht', hat er gesagt. Obwohl er doch so begabt in Sprachen ist.
Ich hatte gedacht, er würde einen guten Bankkaufmann abgeben. Er wollte aber unbedingt
Krankenpfleger werden."
|
 |
:: |
Anders als die Anderen |
|
|
Jugendliche, die sich ihren Eltern gegenüber als schwul oder lesbisch outen, haben
oft einen langen Weg innerer Auseinandersetzungen zurückgelegt, bis sie 'es' mitteilen.
"Mit 12 oder 13 Jahren war mir das schon klar. Ich habe im Schwimmbad immer nach den
Jungs geguckt, die anderen nach den Mädchen." Entdeckungen dieser Art - viele
Lesben und Schwule verlegen sie noch früher in ihre Kindheit (4)
- können zutiefst befremden.
"Ich fühlte mich allein und anders als die anderen. So verschieden wie ein
Kreis in einer Welt von Quadraten. Ich paßte einfach nirgendwo hinein. Keiner
schien derartige Gefühle zu haben wie ich."(5)
"Er ging nach unten. Er war nicht normal. Ein Homo. Ein Schwuler. Dafür
war er schon von der dritten Klasse an beschimpft worden. Er schluckte.
Das Glücksgefühl war weg. Er fühlte sich auf einmal so entsetzlich
allein. So anders als alle anderen Menschen auf der Welt." (6)
Nach Selbstzeugnissen dieser Art zeichnet sich schwules und lesbisches Lebensgefühl
durch eine existentiell tief erlebte Fremdheit aus - wie "Zuhause in einer fremden
Welt" (7).
Für das eigene Empfinden gibt es im Umfeld des Kindes keine Vorbilder. Im Märchen
wie auch in der Wirklichkeit heiratet der Prinz die Prinzessin. "Martin liebt Anja"
wird in die Schulbank geritzt. Filme und Bücher handeln von den Beziehungen zwischen
Jungen und Mädchen, Mann und Frau. Die Heterosexualität als der Normalfall ist
ringsum anwesend und erfahrbar.
Die Homosexualität dagegen ist - auch wenn es sich um eine Personengruppe von
geschätzten 5% - 10% der Bevölkerung handelt - in der Regel verborgen. Eine
offen lesbisch lebende Tante oder ein schwuler Onkel, ein Lehrer oder eine Lehrerin,
Menschen also, in denen sich ein Kind mit seinen Empfindungen wiederfinden kann und die
diesen Gefühlen eine Normalität verleihen könnten, sind nicht sichtbar.
Im Gegenteil. Mit wem kann ein Kind oder ein Jugendlicher sprechen?
Auch wenn wir heute unzweifelhaft eine Liberalisierung in den Einstellungen gegenüber
der Homosexualität feststellen können (8), sind
Vorurteile, die sich in Witzen, abfälligen Bemerkungen und manifester physischer Gewalt
äußern (9), in der Schule und am Arbeitsplatz
immer noch in einer Weise offen oder latent präsent, daß ein Jugendlicher aus
Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung sich kaum ermutigt fühlen dürfte, offen
über seine Gefühle zu sprechen.
Auch im Elternhaus erleben Kinder, die sich in einer frühen Phase ihren Eltern anvertrauen,
bei dieser beängstigenden Thematik eher Vertröstung als Ermutigung.
"Mach dich doch nicht verrückt," sagte der Vater. "Was dir passiert,
passiert vielen Jungen in der Pubertät. Wirklich, Jonathan, das geht von selbst wieder
vorüber. Du wirst schon sehen." Jonathan kämpfte gegen die Tränen. Bei
jedem geht es vorüber, dachte er, aber bei mir nicht. Bei mir nicht. Und was dann?
(10)
|
 |
:: |
Coming out |
|
|
Coming out bedeutet einen als doppelt schmerzlich empfundenen Prozeß:
die Erkenntnis der eigenen Identität als schwul bzw. lesbisch und das Bekenntnis dazu
im privaten und beruflichen Umfeld.
Wer sich outet, muß seine oft noch ungefestigte Identität gegen tiefsitzende
Vorurteile und negativ besetzte Gefühle behaupten. Er muß befürchten,
daß Eltern und Freunde ihn mit all dem in Verbindung bringen, was 'man' über
Lesben und Schwule denkt, daß die Beziehungen sich verändern und im schlimmsten
Fall sogar abbrechen.
Wie schwierig es für den Sohn ist, sich 'damit' zu offenbaren, hat auch Frau Lenz
erfahren:
"Ich habe nicht gewußt, wie ich euch 'das' sagen soll."
Für 'das' kennt unsere Sprache kein allgemein akzeptiertes Wort, das die Lebenswirklichkeit
eines 'solchen' Menschen in seiner ganzen Vielfalt widerspiegelt.
"Homosexualität" ist ein aus der Medizin stammender Begriff, der unabhängig
von seinem klinischen Geruch das Schwergewicht auf die Sexualität legt. "Homoerotisch"
rückt die erotischen Aspekte einer Beziehung in den Mittelpunkt. Das Kunstwort
"Homotrop" mit seinem stumpfen Klang ist allenfalls noch in trockenen wissenschaftlichen
Abhandlungen vorstellbar.
Im amerikanischen Sprachraum hat sich "gay" eingebürgert und in Deutschland wird
zunehmend - auch von den Betroffenen selbst - von "Schwulen" und "Lesben"
gesprochen. Aber auch diese Worte lösen bei vielen Menschen Unbehagen aus, da sie die ganze
Wucht der diskriminierenden Vorurteile widerspiegeln. Wiedemann spricht von "Homosexueller
Liebe" und fügt damit ein Wort hinzu, das personale Bezüge wie Vertrauen,
Zuneigung, Freundschaft und Verbindlichkeit assoziiert. Gerade darum geht es schwulen und
lesbischen Männern und Frauen nicht weniger als Heterosexuellen.
Am treffendsten hat der Psychologe Thomas Großmann wiedergegeben, worum es bei der
Homosexualität geht. Er überschreibt seinen (empfehlenswerten) Ratgeber für
Eltern homosexueller Kinder mit "Eine Liebe wie jede andere"(11)
und bringt damit am unverkrampftesten zum Ausdruck, was die Lebenswirklichkeit von Lesben und
Schwulen ausmacht:
Es geht um eine Liebe wie jede andere, auch wenn es um die Liebe zu einem Menschen des gleichen
Geschlechts geht. Es geht um das Gleiche, auch wenn es ein Verschiedenes ist. Menschen mit
homosexueller Orientierung suchen in ihren Beziehungen nicht weniger personale Werte wie Zuneigung,
Vertrauen, Verbindlichkeit und Liebe wie Menschen mit heterosexueller Orientierung.
Auf einer Tagung zum Thema Homosexualität berichtete ein Teilnehmer, der seit über
25 Jahren mit einem Freund zusammenlebt:
"Sexualität ist für mich wie für jeden Menschen von großer Bedeutung
für Selbstbestätigung, Identität, Integration der Persönlichkeit. Es gibt
weder einen Grund zu glauben, daß Gott die Gabe der Enthaltsamkeit allen Homosexuellen
gewährt, noch daß Sexualität ein Vorrecht Heterosexueller sei. Entschieden
wehren möchte ich mich gegen eine Reduktion von Homosexualität auf (genitale)
Sexualität, wie es in sämtlichen amtlichen Stellungnahmen der Kirche zum Ausdruck
kommt; genitale Sexualität ist weder das alles Definierende noch das Wichtigste, genau
wie in einer heterosexuellen Beziehung. In der hebräischen Bibel drückt Kohelet
(4,9-11) aus, was ich meine: 'Zwei sind besser als einer allein ..., denn wenn sie hinfallen,
richtet einer den anderen auf. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er hinfällt, ohne
daß einer bei ihm ist, der ihn aufrichtet. Außerdem: Wenn zwei zusammen schlafen,
wärmt einer den anderen; einer allein - wie soll der warm werden?' (12)
|
 |
:: |
Annäherungen |
|
|
Es gibt kaum ein Ereignis, das die Eltern-Kind-Beziehung mehr verändert und auf die Probe
stellt wie das Coming out des Sohnes bzw. der Tochter. Von ausschlaggebender Bedeutung für
das Durchstehen der durch die Offenbarung ausgelösten Beziehungskrise ist der Grad des
zwischen Eltern und Kindern bestehenden Vertrauens. Für Frau Lenz war sofort klar:
"Du bist und bleibst unser Sohn." Und auch für Herrn Lenz - "nachdem der
erste Zorn verraucht war und ich anfing, darüber nachzudenken" - stand außer
Frage, "daß Martin weiter zu uns gehört."
Eltern durchleben in der Regel eine schwere Zeit, die in ihrer Abfolge dem
gefühlsmäßigen Erleben nach einem tiefempfundenen Verlust gleicht. Nach
einer Zeit der Betäubung und Abwehr wird intensiv mit Weinen, Schlaflosigkeit,
Schuldvorwürfen und -zuweisungen sowie emotionaler Erschütterung die Trauer
erlebt über den Verlust des bisherigen Zustandes. Irgendwann gibt man die Hoffnung
auf, alles würde wie früher. Die Situation wird als unabänderlich erfahren
und erscheint im Blick auf die Zukunft in einem eher düsteren Licht. Schließlich
folgt eine Zeit des Neubeginns. Viele Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet.
Der schwule Sohn bzw. die lesbische Tochter werden - oft mit ihren Partnerinnen und Partnern
- in das Lebenskonzept der Familie integriert. (13)
Ähnliches haben auch Herr und Frau Lenz erlebt. Wie der Sohn blieben auch sie als
Eltern mit ihrem Wissen, ihren Fragen und Ängsten erst einmal allein. Was ist
Homosexualität? Kann man nicht doch etwas dagegen tun? Was ist mit Aids? Wie wird
er im Beruf zurechtkommen? Ist er stabil genug, die Diskriminierung auszuhalten, wenn 'es'
rauskommt? Wie wird es ihm im Alter gehen, wo es doch diesen Jugendkult in der Schwulenszene
gibt? Ist er im Alter depressiv und einsam?
Das Schwulsein des Sohnes wird wie ein Familiengeheimnis gehütet. "Mit wem kann
man denn über so etwas reden? In der Verwandtschaft geht das niemanden etwas an. Und
Freunde und Nachbarn? Wir wollten unserem Sohn nicht schaden und ihn nicht in Mißkredit
bringen." Hilfreich war die Telefonseelsorge. "Da konnte ich wenigstens reden und
mir hörte jemand zu. Zwischendurch habe ich mein Wissen immer wieder verdrängt.
Das war dann längere Zeit überhaupt kein Thema mehr zwischen uns. Manchmal dachten
wir: Vielleicht legt es sich bei Martin wieder."
Erste Annäherungen gelingen über eine Gesprächsgruppe von Eltern homosexueller
Kinder, zu der der Sohn den Kontakt herstellt. "Damit hat Martin uns sehr geholfen. Er
hat gesagt, daß wir da hingehen sollen. Das würde uns sicher guttun."
Die Elterngruppe vermittelt die Erfahrung: Wir stehen mit unseren Fragen und Sorgen nicht
allein, sondern können uns gegenseitig stützen. "Das ist eine richtige
Notgemeinschaft von Eltern und Schwulen. Manchmal haben wir die Kinder vor die Tür
geschickt und uns gemeinsam ausgeheult. Man hält zusammen, informiert und hilft sich
gegenseitig. Einer von den Schwulen hat einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Da war
die Gruppe eine große Hilfe." Die andere Welt des Sohnes verliert ihre Fremdheit.
Seine Bekannten und auch sein Freund sind im Elternhaus zu Gast. "Da haben wir erlebt:
Das sind ganz normale und nette Menschen." Beide Elternteile haben versucht, sich zu
informieren und viel gelesen.
"Ganz am Anfang, als ich mit Martin ein paar Tage unterwegs war," erinnert sich
Frau Lenz, "haben wir zusammen aus einem Buch schwule Geschichten vorgelesen. Ich
wollte einfach einen Zugang zu seiner Welt finden." Und heute - etliche Jahre später?
"Man muß an sich arbeiten. Das braucht seine Zeit und ist nicht einfach. Auch heute
noch kommen mir manchmal die Tränen. Aber die Abstände werden immer größer."
|
 |
:: |
Ein schwuler Sohn - na und? |
|
|
Stand am Anfang der Schock und die Angst vor der Stigmatisierung des Kindes und der Familie,
verbunden mit dem Bedürfnis, die Homosexualität des Kindes wie ein Geheimnis zu
hüten, so entwickeln Eltern - gestützt durch die Erfahrungen in der Elterngruppe -
zunehmend eine selbstbewußt-trotzige Einstellung gegenüber ihrer Umwelt. Viele
durchleben wie ihr Kind einen Prozeß des Coming out, in dessen Verlauf auch der Schritt
in die Öffentlichkeit erfolgt. Herr Lenz zeigt einen Bericht der örtlichen Zeitung
über die Arbeit der Elterngruppe. Auf dem Foto ist er deutlich zu erkennen. "In meiner
Sportgruppe haben das alle gelesen. Aber nur 2 haben mich darauf angesprochen und mir zu diesem
Schritt gratuliert. Ein Bekannter sagte mitleidig: 'Deine arme Frau. Gerade sowas.' Ich habe ihm
geantwortet: Hast Du ein Problem damit? Wir nicht."
Herr Lenz sieht es gelassen, wenn Bekannte sich deswegen zurückziehen. "Freunde, die
das nicht akzeptieren, brauchen wir nicht." Aber es gibt auch gegenteilige Erfahrungen.
Frau Lenz erzählt einer langjährigen Nachbarin von ihrem schwulen Sohn. "Es war
ein richtig gutes Gespräch. Ich spüre, daß die Offenheit mir gut tut und ich
mich dadurch frei fühle. Die Homosexualität meines Sohnes bekommt auf diese Weise für
mich etwas Normales und Selbstverständliches. Und interessant: Offenheit steckt an. Sie hat
auch von sich sehr persönliche Dinge erzählt. Wir sind uns richtig nähergekommen."
|
 |
:: |
Und die Kirche? |
|
|
"Was wissen die Oberen in der Kirche denn vom eigentlichen Leben?" meint Herr Lenz.
"Nicht nur, wenn es um Homosexualität geht. Auch im Betrieb, auf der Arbeit - das
sind doch völlig verschiedene Welten."
Und Frau Lenz erwidert: "Die offizielle Haltung der Kirche, die immer noch negativ
über die Homosexuellen urteilt, hat für meinen Glauben keine Rolle gespielt. Ich
habe oft in der Kirche Trost gesucht und bedauert, daß unser alter Pfarrer nicht mehr
da war. Mit dem hätte ich über alles reden können. Ganz wichtig war für
mich: Mein Mann und ich wollten immer dieses Kind. Und als wir es bekamen, war es für uns
wie ein Geschenk Gottes. Ich habe mir immer gesagt: Das mußt du annehmen. Was Gott schenkt,
kann nichts schlechtes sein."
|
 |
:: |
Anmerkungen |
|
|
- Dorit Zinn, Mein Sohn liebt Männer. Frankfurt 1992. Fischer TB 11260. S. 12;S. 33
- ebd., S. 7
- Häring, Bernhard, Das Gesetz Christi. Freiburg 1957, S. 1148
- vgl. Rauchfleisch, Udo, Die stille und die schrille Szene. Erfahrungen von Schwulen im Alltag. Freiburg 1995. S. 12 ff
- Großmann, Thomas, Schwul - na und? Hamburg 1991, S. 13
- Dolf Verroen, Verliebt. In: Andere Verhältnisse. Verständigungstexte von Homosexuellen. Frankfurt 1984, S. 123
- So der Titel eines Gedichtes von Matthias Zimmermann in: Andere Verhältnisse. a.a.O., S. 63
- So schreibt der schwule Journalist Werner Hinzpeter: "Dem homo homosexualis geht es in Deutschland besser als je zuvor, und die Bundesrepublik gehört heute zu den schwulenfreundlichsten Staaten der Welt." In: Hinzpeter, Werner, Schöne schwule Welt. Der Schlußverkauf einer Bewegung. Berlin 1977, S. 10
- Rauchfleisch zitiert eine Untersuchung von Richter aus dem Jahr 1993: "Die repräsentative Erhebung in der BRD führte zum Resultat, 'daß die Deutschen Türken, Asylbewerber und auch Zigeuner deutlich freundlicher beurteilen als Homosexuelle, Fixer und Prostituierte. Die auf dem Sympathiethermometer erreichten Werte lagen für türkische Gastarbeiter bei 45%, für Asylbewerber bei 36%, für Zigeuner bei 34%, dagegen für Homosexuelle nur bei 27%, für Prostituierte und Drogenabhängige bei je 22%'. in: Rauschfleisch, Udo, Schwulen, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Göttingen 1994, S. 138
- Dolf Verroen, Verliebt. In: Andere Verhältnisse. Verständigungstexte von Homosexuellen. Frankfurt 1984, S. 123
- Großmann, Thomas, Eine Liebe wie jede andere. Mit homosexuellen Jugendlichen leben und umgehen. Frankfurt 1990
- Hassemer, Hans.-J., Erfahrungen eines Homosexuellen in seiner Kirche. In: Ernst Otto Arntz/Peter Paul König, Kirche und die Frage der Homosexualität. Hildesheim 1995, S. 50
- vgl. auch Großmann, Thomas, Eine Liebe wie jede andere. a.a.O.,S. 56 ff
|
 |
:: |
Quelle |
|
|
Der Beitrag ist entnommen aus:
WORT UND ANTWORT.
Zeitschrift für Fragen des Glaubens. 2/98 Themenheft Homosexualität.
Herausgeber: Dominikanerprovinz Köln. Copyright Matthias-Grünewald-Verlag Mainz.
Mit frdl. Genehmigung der Redaktion und des Verlages
|
 |
|
Home |
|