HOMOSEXUALITÄT

Infos für Eltern


"AM ANFANG HABE ICH IHN RICHTIG GEHASST"
Erfahrungen von Eltern mit einem schwulen Sohn.

von Hans Albert Gunk OP

Vorwürfe | Entäuschte Erwartungen | Anders | Coming out | Annäherungen | Anmerkungen

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Das kann doch nicht sein

"Er wirkte immer so bedrückt. Ich fragte vorsichtig, was denn los sei und bekam nur ausweichende Antworten. Fast jeden Tag bekam er Post. Nie sah ich einen dieser Briefe irgendwo liegen. Offensichtlich versteckte er sie. Dabei hatte er doch sonst keine Geheimnisse vor uns. Sein Bruder ließ selbst seine Liebesbriefe in der Wohnung herumliegen.

Wir haben die Privatsphäre unserer Kinder immer respektiert. Jetzt aber habe ich mir Sorgen gemacht. Ist er irgendwo hineingeraten? Hat er was mit einem Mädchen gehabt? Ist ein Kind unterwegs? Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich fand einen der Briefe in seinem Zimmer und las ihn - es war ein Liebesbrief von einem Mann.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Habe mich geschämt, weil ich so indiskret war. Konnte es einfach nicht glauben. Unser Martin ein Homosexueller? Das kann doch nicht sein! Es war aber so. Der Brief war zu eindeutig.

Ich habe allen Mut zusammengenommen und ihn angesprochen. Wir haben uns in den Arm genommen und zusammen geweint. 'Warum hast du denn nichts gesagt?' frage ich. 'Ich habe nicht gewußt, wie ich euch das erzählen soll', ist seine Antwort"


So wie Frau Lenz beschreiben viele Eltern ihre erste Reaktion auf die Nachricht: Unser Kind ist homosexuell, schwul oder lesbisch. Unfaßbar! Lieber Gott, mach, daß es nicht wahr ist! Eine Welt bricht zusammen.
Selbst Eltern mit einem liberalen und aufgeklärten Selbstverständnis erzählen von dem Wechselbad der Gefühle, in das getaucht sind.

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Vorwürfe

Was haben wir falsch gemacht? Wer eine Gruppe von Eltern homosexueller Kinder besucht, begegnet dieser Frage immer wieder. Dahinter steht der Versuch, das Unerklärliche und bedrohlich Fremde zu verstehen und einzuordnen sowie die Hoffnung, eventuell 'dagegen' etwas tun zu können. "Vielleicht hätte ich ihn härter anfassen sollen?" fragte sich Frau Lenz. "Oder ihn in der Erziehung mehr fordern? Habe ich als Mutter versagt?" Nicht selten entstehen Konflikte und Schuldzuweisungen unter den Ehepartnern. Dorit Zinn schreibt im Rückblick:

"Den nächsten Tag verbringen wir im Garten. Alex schleppt Berge von Büchern heran, Fichte, Thomas Mann, Pasolini, Schwulenliteratur über das Coming out. Und wir Eltern verhalten uns genauso hilflos, wie wir später in Büchern nachlesen können. Die Gene, sage ich, es ist sicher vererbbar. Ich schaue Konrad, meinen Mann triumphierend an. In deiner Familie gibt es doch einen Schwulen? Die zu starke Mutterbindung, straft Konrad zurück, warum mußte er auch immer mit Puppen und Mädchen spielen und zum Fasching Frauenkleider tragen? Ich martere den Rasen mit meinen Füßen, reiße einer Dahlie Stück für Stück die Blütenblätter aus. ... Vielleicht, sagen wir immer wieder beschwörend, vielleicht bildet er sich das alles doch nur ein." (2)

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Entäuschte Erwartungen - durchkreuzte Pläne

Alle Eltern entwickeln bewußt oder unbewußt Phantasien und Pläne über die Zukunft ihrer Kinder.
Eines Tages werden sie eine nette Frau oder einen sympathischen Mann kennenlernen, heiraten und Kinder - Enkelkinder! - bekommen. Der 'normale' Weg ist die Heterosexualität und die Vorlage dazu aus der eigenen Biographie und dem gesellschaftlichen Männer- und Frauenbild, wie es mannigfach durch Schulbücher, Werbung, Filme und Literatur vermittelt wird, bekannt und vertraut. Ein schwuler Sohn und eine lesbische Tochter stellen alles in Frage. Das eigene Kind erscheint fremd und unvertraut. "Er ist anders als die Anderen," antwortet Frau Lenz auf die Frage, was es denn für sie so schwer macht. Mit dem "Anders-Sein" verbindet sich für die Eltern die Zugehörigkeit zu einer ihnen verschlossenen Welt mit eigenen Gefühlen und Empfindungen, einer eigenen Subkultur mit angstmachenden Ritualen und Erlebnismöglichkeiten, einer in der Phantasie mit Ekelgefühlen besetzten Sexualität. Es erscheint fast normal, daß Eltern mit heftiger Abwehr reagieren.

"Als ich es erfuhr, gab es ein Donnerwetter. Ich war 100% dagegen und stocksauer." Herr Lenz macht keinen Hehl aus seinen Gefühlen, die er damals hatte. "Was weiß man denn schon darüber? Die Schwulen, das sind die 175iger, die kleinen Jungens nachsteigen und sich auf öffentlichen Toiletten rumdrücken. Beim Militär hätten die keinen Stich gekriegt. Und nun sollte mein Sohn auch so einer sein. Ich habe ihn angeschrien: Wenn Du so einen hier mitbringst, schmeiße ich Dich raus."

In der spontanen Reaktion kommt der durch eine mehr als zweitausendjährige christlich-jüdische Tradition geprägte tiefsitzende Affekt gegenüber homosexuellem Verhalten zum Audsruck, der bis in unser Jahrhundert hinein das Denken und Empfinden gegenüber Schwulen und Lesben bestimmt hat. Wie eine Zusammenfassung des kirchlich-gesellschaftlichen common sense aus der Mitte des 20. Jahrhunderts lesen sich die Bemerkungen des Moraltheologen Bernhard Häring aus dem Jahr 1957:

"Die pervers Veranlagten sind vielfach durch ein verfehltes, ungezügeltes Leben oder durch psychische Defekte in ihrer sittlichen Freiheit und Verantwortlichkeit gehemmt. Aber ihre Veranlagung als solche entschuldigt sie nicht, ebensowenig, wie die natürliche Leidenschaft den Unzuchtssünder freispricht. Sie sind nach dem Maß der noch vorhandenen Freiheit verantwortlich." (3)

Damit sind die wesentlichen Stichworte genannt, die das Alltagswissen vieler Menschen über Homosexualität und homosexuelle Menschen auch heute noch prägen: Perversion, ungezügelte Triebhaftigkeit und psychische Defekte. Weibliche und vor allem männliche Homosexualität gehören in den Bereich des Unnormalen, des Pathologischen und Kranken.
Die gutgemeinte, aber auch hilflose Aufforderung von Eltern, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen, wird von dem schwulen Sohn bzw. der lesbischen Tochter in der Regel als Diskriminierung und Ausdruck mangelnden Verständnisses empört zurückgewiesen und sorgt für zusätzlichen Konfliktstoff. "Versteht doch, ich will mich gar nicht ändern. Ich weiß schon lange, daß ich so bin und so empfinde und bin glücklich damit."

Fällt das Coming out in die Zeit der Berufsfindung, können die beruflichen Vorstellungen des Kindes zusätzlich zu Auseinandersetzungen führen. "Plötzlich kam er damit, daß er die Schule abbrechen will, kurz vor dem Abitur. 'Das liegt mir nicht', hat er gesagt. Obwohl er doch so begabt in Sprachen ist. Ich hatte gedacht, er würde einen guten Bankkaufmann abgeben. Er wollte aber unbedingt Krankenpfleger werden."

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Anders als die Anderen

Jugendliche, die sich ihren Eltern gegenüber als schwul oder lesbisch outen, haben oft einen langen Weg innerer Auseinandersetzungen zurückgelegt, bis sie 'es' mitteilen. "Mit 12 oder 13 Jahren war mir das schon klar. Ich habe im Schwimmbad immer nach den Jungs geguckt, die anderen nach den Mädchen." Entdeckungen dieser Art - viele Lesben und Schwule verlegen sie noch früher in ihre Kindheit (4) - können zutiefst befremden.

"Ich fühlte mich allein und anders als die anderen. So verschieden wie ein Kreis in einer Welt von Quadraten. Ich paßte einfach nirgendwo hinein. Keiner schien derartige Gefühle zu haben wie ich."(5)

"Er ging nach unten. Er war nicht normal. Ein Homo. Ein Schwuler. Dafür war er schon von der dritten Klasse an beschimpft worden. Er schluckte. Das Glücksgefühl war weg. Er fühlte sich auf einmal so entsetzlich allein. So anders als alle anderen Menschen auf der Welt." (6)

Nach Selbstzeugnissen dieser Art zeichnet sich schwules und lesbisches Lebensgefühl durch eine existentiell tief erlebte Fremdheit aus - wie "Zuhause in einer fremden Welt" (7).

Für das eigene Empfinden gibt es im Umfeld des Kindes keine Vorbilder. Im Märchen wie auch in der Wirklichkeit heiratet der Prinz die Prinzessin. "Martin liebt Anja" wird in die Schulbank geritzt. Filme und Bücher handeln von den Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen, Mann und Frau. Die Heterosexualität als der Normalfall ist ringsum anwesend und erfahrbar.

Die Homosexualität dagegen ist - auch wenn es sich um eine Personengruppe von geschätzten 5% - 10% der Bevölkerung handelt - in der Regel verborgen. Eine offen lesbisch lebende Tante oder ein schwuler Onkel, ein Lehrer oder eine Lehrerin, Menschen also, in denen sich ein Kind mit seinen Empfindungen wiederfinden kann und die diesen Gefühlen eine Normalität verleihen könnten, sind nicht sichtbar. Im Gegenteil. Mit wem kann ein Kind oder ein Jugendlicher sprechen?

Auch wenn wir heute unzweifelhaft eine Liberalisierung in den Einstellungen gegenüber der Homosexualität feststellen können (8), sind Vorurteile, die sich in Witzen, abfälligen Bemerkungen und manifester physischer Gewalt äußern (9), in der Schule und am Arbeitsplatz immer noch in einer Weise offen oder latent präsent, daß ein Jugendlicher aus Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung sich kaum ermutigt fühlen dürfte, offen über seine Gefühle zu sprechen.

Auch im Elternhaus erleben Kinder, die sich in einer frühen Phase ihren Eltern anvertrauen, bei dieser beängstigenden Thematik eher Vertröstung als Ermutigung.

"Mach dich doch nicht verrückt," sagte der Vater. "Was dir passiert, passiert vielen Jungen in der Pubertät. Wirklich, Jonathan, das geht von selbst wieder vorüber. Du wirst schon sehen." Jonathan kämpfte gegen die Tränen. Bei jedem geht es vorüber, dachte er, aber bei mir nicht. Bei mir nicht. Und was dann? (10)

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Coming out

Coming out bedeutet einen als doppelt schmerzlich empfundenen Prozeß:
die Erkenntnis der eigenen Identität als schwul bzw. lesbisch und das Bekenntnis dazu im privaten und beruflichen Umfeld.

Wer sich outet, muß seine oft noch ungefestigte Identität gegen tiefsitzende Vorurteile und negativ besetzte Gefühle behaupten. Er muß befürchten, daß Eltern und Freunde ihn mit all dem in Verbindung bringen, was 'man' über Lesben und Schwule denkt, daß die Beziehungen sich verändern und im schlimmsten Fall sogar abbrechen.

Wie schwierig es für den Sohn ist, sich 'damit' zu offenbaren, hat auch Frau Lenz erfahren:
"Ich habe nicht gewußt, wie ich euch 'das' sagen soll."

Für 'das' kennt unsere Sprache kein allgemein akzeptiertes Wort, das die Lebenswirklichkeit eines 'solchen' Menschen in seiner ganzen Vielfalt widerspiegelt.
"Homosexualität" ist ein aus der Medizin stammender Begriff, der unabhängig von seinem klinischen Geruch das Schwergewicht auf die Sexualität legt. "Homoerotisch" rückt die erotischen Aspekte einer Beziehung in den Mittelpunkt. Das Kunstwort "Homotrop" mit seinem stumpfen Klang ist allenfalls noch in trockenen wissenschaftlichen Abhandlungen vorstellbar.
Im amerikanischen Sprachraum hat sich "gay" eingebürgert und in Deutschland wird zunehmend - auch von den Betroffenen selbst - von "Schwulen" und "Lesben" gesprochen. Aber auch diese Worte lösen bei vielen Menschen Unbehagen aus, da sie die ganze Wucht der diskriminierenden Vorurteile widerspiegeln. Wiedemann spricht von "Homosexueller Liebe" und fügt damit ein Wort hinzu, das personale Bezüge wie Vertrauen, Zuneigung, Freundschaft und Verbindlichkeit assoziiert. Gerade darum geht es schwulen und lesbischen Männern und Frauen nicht weniger als Heterosexuellen.

Am treffendsten hat der Psychologe Thomas Großmann wiedergegeben, worum es bei der Homosexualität geht. Er überschreibt seinen (empfehlenswerten) Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder mit "Eine Liebe wie jede andere"(11) und bringt damit am unverkrampftesten zum Ausdruck, was die Lebenswirklichkeit von Lesben und Schwulen ausmacht:
Es geht um eine Liebe wie jede andere, auch wenn es um die Liebe zu einem Menschen des gleichen Geschlechts geht. Es geht um das Gleiche, auch wenn es ein Verschiedenes ist. Menschen mit homosexueller Orientierung suchen in ihren Beziehungen nicht weniger personale Werte wie Zuneigung, Vertrauen, Verbindlichkeit und Liebe wie Menschen mit heterosexueller Orientierung.

Auf einer Tagung zum Thema Homosexualität berichtete ein Teilnehmer, der seit über 25 Jahren mit einem Freund zusammenlebt:

"Sexualität ist für mich wie für jeden Menschen von großer Bedeutung für Selbstbestätigung, Identität, Integration der Persönlichkeit. Es gibt weder einen Grund zu glauben, daß Gott die Gabe der Enthaltsamkeit allen Homosexuellen gewährt, noch daß Sexualität ein Vorrecht Heterosexueller sei. Entschieden wehren möchte ich mich gegen eine Reduktion von Homosexualität auf (genitale) Sexualität, wie es in sämtlichen amtlichen Stellungnahmen der Kirche zum Ausdruck kommt; genitale Sexualität ist weder das alles Definierende noch das Wichtigste, genau wie in einer heterosexuellen Beziehung. In der hebräischen Bibel drückt Kohelet (4,9-11) aus, was ich meine: 'Zwei sind besser als einer allein ..., denn wenn sie hinfallen, richtet einer den anderen auf. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er hinfällt, ohne daß einer bei ihm ist, der ihn aufrichtet. Außerdem: Wenn zwei zusammen schlafen, wärmt einer den anderen; einer allein - wie soll der warm werden?' (12)

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Annäherungen

Es gibt kaum ein Ereignis, das die Eltern-Kind-Beziehung mehr verändert und auf die Probe stellt wie das Coming out des Sohnes bzw. der Tochter. Von ausschlaggebender Bedeutung für das Durchstehen der durch die Offenbarung ausgelösten Beziehungskrise ist der Grad des zwischen Eltern und Kindern bestehenden Vertrauens. Für Frau Lenz war sofort klar: "Du bist und bleibst unser Sohn." Und auch für Herrn Lenz - "nachdem der erste Zorn verraucht war und ich anfing, darüber nachzudenken" - stand außer Frage, "daß Martin weiter zu uns gehört."

Eltern durchleben in der Regel eine schwere Zeit, die in ihrer Abfolge dem gefühlsmäßigen Erleben nach einem tiefempfundenen Verlust gleicht. Nach einer Zeit der Betäubung und Abwehr wird intensiv mit Weinen, Schlaflosigkeit, Schuldvorwürfen und -zuweisungen sowie emotionaler Erschütterung die Trauer erlebt über den Verlust des bisherigen Zustandes. Irgendwann gibt man die Hoffnung auf, alles würde wie früher. Die Situation wird als unabänderlich erfahren und erscheint im Blick auf die Zukunft in einem eher düsteren Licht. Schließlich folgt eine Zeit des Neubeginns. Viele Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Der schwule Sohn bzw. die lesbische Tochter werden - oft mit ihren Partnerinnen und Partnern - in das Lebenskonzept der Familie integriert. (13)

Ähnliches haben auch Herr und Frau Lenz erlebt. Wie der Sohn blieben auch sie als Eltern mit ihrem Wissen, ihren Fragen und Ängsten erst einmal allein. Was ist Homosexualität? Kann man nicht doch etwas dagegen tun? Was ist mit Aids? Wie wird er im Beruf zurechtkommen? Ist er stabil genug, die Diskriminierung auszuhalten, wenn 'es' rauskommt? Wie wird es ihm im Alter gehen, wo es doch diesen Jugendkult in der Schwulenszene gibt? Ist er im Alter depressiv und einsam?

Das Schwulsein des Sohnes wird wie ein Familiengeheimnis gehütet. "Mit wem kann man denn über so etwas reden? In der Verwandtschaft geht das niemanden etwas an. Und Freunde und Nachbarn? Wir wollten unserem Sohn nicht schaden und ihn nicht in Mißkredit bringen." Hilfreich war die Telefonseelsorge. "Da konnte ich wenigstens reden und mir hörte jemand zu. Zwischendurch habe ich mein Wissen immer wieder verdrängt. Das war dann längere Zeit überhaupt kein Thema mehr zwischen uns. Manchmal dachten wir: Vielleicht legt es sich bei Martin wieder."

Erste Annäherungen gelingen über eine Gesprächsgruppe von Eltern homosexueller Kinder, zu der der Sohn den Kontakt herstellt. "Damit hat Martin uns sehr geholfen. Er hat gesagt, daß wir da hingehen sollen. Das würde uns sicher guttun."

Die Elterngruppe vermittelt die Erfahrung: Wir stehen mit unseren Fragen und Sorgen nicht allein, sondern können uns gegenseitig stützen. "Das ist eine richtige Notgemeinschaft von Eltern und Schwulen. Manchmal haben wir die Kinder vor die Tür geschickt und uns gemeinsam ausgeheult. Man hält zusammen, informiert und hilft sich gegenseitig. Einer von den Schwulen hat einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Da war die Gruppe eine große Hilfe." Die andere Welt des Sohnes verliert ihre Fremdheit. Seine Bekannten und auch sein Freund sind im Elternhaus zu Gast. "Da haben wir erlebt: Das sind ganz normale und nette Menschen." Beide Elternteile haben versucht, sich zu informieren und viel gelesen.

"Ganz am Anfang, als ich mit Martin ein paar Tage unterwegs war," erinnert sich Frau Lenz, "haben wir zusammen aus einem Buch schwule Geschichten vorgelesen. Ich wollte einfach einen Zugang zu seiner Welt finden." Und heute - etliche Jahre später? "Man muß an sich arbeiten. Das braucht seine Zeit und ist nicht einfach. Auch heute noch kommen mir manchmal die Tränen. Aber die Abstände werden immer größer."

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Ein schwuler Sohn - na und?

Stand am Anfang der Schock und die Angst vor der Stigmatisierung des Kindes und der Familie, verbunden mit dem Bedürfnis, die Homosexualität des Kindes wie ein Geheimnis zu hüten, so entwickeln Eltern - gestützt durch die Erfahrungen in der Elterngruppe - zunehmend eine selbstbewußt-trotzige Einstellung gegenüber ihrer Umwelt. Viele durchleben wie ihr Kind einen Prozeß des Coming out, in dessen Verlauf auch der Schritt in die Öffentlichkeit erfolgt. Herr Lenz zeigt einen Bericht der örtlichen Zeitung über die Arbeit der Elterngruppe. Auf dem Foto ist er deutlich zu erkennen. "In meiner Sportgruppe haben das alle gelesen. Aber nur 2 haben mich darauf angesprochen und mir zu diesem Schritt gratuliert. Ein Bekannter sagte mitleidig: 'Deine arme Frau. Gerade sowas.' Ich habe ihm geantwortet: Hast Du ein Problem damit? Wir nicht."

Herr Lenz sieht es gelassen, wenn Bekannte sich deswegen zurückziehen. "Freunde, die das nicht akzeptieren, brauchen wir nicht." Aber es gibt auch gegenteilige Erfahrungen. Frau Lenz erzählt einer langjährigen Nachbarin von ihrem schwulen Sohn. "Es war ein richtig gutes Gespräch. Ich spüre, daß die Offenheit mir gut tut und ich mich dadurch frei fühle. Die Homosexualität meines Sohnes bekommt auf diese Weise für mich etwas Normales und Selbstverständliches. Und interessant: Offenheit steckt an. Sie hat auch von sich sehr persönliche Dinge erzählt. Wir sind uns richtig nähergekommen."

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Und die Kirche?

"Was wissen die Oberen in der Kirche denn vom eigentlichen Leben?" meint Herr Lenz.
"Nicht nur, wenn es um Homosexualität geht. Auch im Betrieb, auf der Arbeit - das sind doch völlig verschiedene Welten."
Und Frau Lenz erwidert: "Die offizielle Haltung der Kirche, die immer noch negativ über die Homosexuellen urteilt, hat für meinen Glauben keine Rolle gespielt. Ich habe oft in der Kirche Trost gesucht und bedauert, daß unser alter Pfarrer nicht mehr da war. Mit dem hätte ich über alles reden können. Ganz wichtig war für mich: Mein Mann und ich wollten immer dieses Kind. Und als wir es bekamen, war es für uns wie ein Geschenk Gottes. Ich habe mir immer gesagt: Das mußt du annehmen. Was Gott schenkt, kann nichts schlechtes sein."

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Anmerkungen

  1. Dorit Zinn, Mein Sohn liebt Männer. Frankfurt 1992. Fischer TB 11260. S. 12;S. 33
  2. ebd., S. 7
  3. Häring, Bernhard, Das Gesetz Christi. Freiburg 1957, S. 1148
  4. vgl. Rauchfleisch, Udo, Die stille und die schrille Szene. Erfahrungen von Schwulen im Alltag. Freiburg 1995. S. 12 ff
  5. Großmann, Thomas, Schwul - na und? Hamburg 1991, S. 13
  6. Dolf Verroen, Verliebt. In: Andere Verhältnisse. Verständigungstexte von Homosexuellen. Frankfurt 1984, S. 123
  7. So der Titel eines Gedichtes von Matthias Zimmermann in: Andere Verhältnisse. a.a.O., S. 63
  8. So schreibt der schwule Journalist Werner Hinzpeter: "Dem homo homosexualis geht es in Deutschland besser als je zuvor, und die Bundesrepublik gehört heute zu den schwulenfreundlichsten Staaten der Welt." In: Hinzpeter, Werner, Schöne schwule Welt. Der Schlußverkauf einer Bewegung. Berlin 1977, S. 10
  9. Rauchfleisch zitiert eine Untersuchung von Richter aus dem Jahr 1993: "Die repräsentative Erhebung in der BRD führte zum Resultat, 'daß die Deutschen Türken, Asylbewerber und auch Zigeuner deutlich freundlicher beurteilen als Homosexuelle, Fixer und Prostituierte. Die auf dem Sympathiethermometer erreichten Werte lagen für türkische Gastarbeiter bei 45%, für Asylbewerber bei 36%, für Zigeuner bei 34%, dagegen für Homosexuelle nur bei 27%, für Prostituierte und Drogenabhängige bei je 22%'. in: Rauschfleisch, Udo, Schwulen, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Göttingen 1994, S. 138
  10. Dolf Verroen, Verliebt. In: Andere Verhältnisse. Verständigungstexte von Homosexuellen. Frankfurt 1984, S. 123
  11. Großmann, Thomas, Eine Liebe wie jede andere. Mit homosexuellen Jugendlichen leben und umgehen. Frankfurt 1990
  12. Hassemer, Hans.-J., Erfahrungen eines Homosexuellen in seiner Kirche. In: Ernst Otto Arntz/Peter Paul König, Kirche und die Frage der Homosexualität. Hildesheim 1995, S. 50
  13. vgl. auch Großmann, Thomas, Eine Liebe wie jede andere. a.a.O.,S. 56 ff

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Quelle

Der Beitrag ist entnommen aus:
WORT UND ANTWORT. Zeitschrift für Fragen des Glaubens. 2/98 Themenheft Homosexualität. Herausgeber: Dominikanerprovinz Köln. Copyright Matthias-Grünewald-Verlag Mainz.
Mit frdl. Genehmigung der Redaktion und des Verlages

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