|
HOMOSEXUALITÄT: HERAUSFORDERUNG ZUR TOLERANZ
Das folgende Papier wurde am 23.06.97 vom Diözesanrat der Diözese Rottenburg Stuttgart einstimmig beschlossen und zur Diskussion vorgelegt.
|
|
::
|
Problemanzeige
|
|
|
- Homosexuelle Menschen begegnen immer noch sozialer Diskriminierung und weitverbreitetem Unverständnis. Die Zahl der Gewalttaten gegen sie hat in den letzten Jahren sogar zugenommen. Die oft einseitige öffentliche Aufmerksamkeit in Zusammenhang mit AIDS hat den gelassenen Umgang mit Personen mit homosexueller Orientierung eher behindert.
- Auch im kirchlichen Bereich fühlen sich viele von ihnen gezwungen, ihre Homosexualität geheim zu halten, da sie andernfalls persönliche Ausgrenzung oder sogar berufliche Nachteile befürchten. dies gilt insbesondere für Mitarbeit und Mitarbeiterinnen im kirchlichen Dienst. Die spezifische Situation und Problematik homosexueller Priester ist in den letzten Jahren verstärkt in die öffentliche Diskussion geraten und hat besondere Aufmerksamkeit erfahren. Das Verschweigen eines so wichtigen persönlichen Lebensbereichs stellt für die Betroffenen eine schwere Belastung dar.
- Jugendliche oder auch Erwachsene, die sich als homosexuell entdecken und sich mit ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung auseinandersetzen wollen, finden in der Gesellschaft und in der Kirche nur selten Orte und Gesprächspartner, die hilfreich sind für die Klärung ihrer Probleme und Lebensfragen, für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kirchlichen Vorstellungen über sexuelle Normalität und Abweichung. Gleiches gilt für Menschen, die Hilfe und Beratung suchen, weil für sie die Homosexualität anderer - etwa in der Familie oder im Freundeskreis - zum Problem geworden ist.
- Widerstände gegen ein tolerantes Verhältnis zur Homosexualität und zu Menschen mit homosexueller Orientierung sind tief verwurzelt und müssen ernstgenommen werden. Homosexualität ist in unserem Kulturraum über lange Zeiträume hinweg ausgegrenzt und tabuisiert worden. Sie galt weithin als unnatürlich, krankhaft, kriminell, sündhaft. Wir Christen müssen insbesondere jene Strömungen in unserer Tradition hinterfragen und neu durchdenken, die durch eine bis in die Antike zurückreichende Leib- und Sexualitätsfeindlichkeit bestimmt waren. Völlige sexuelle Enthaltsamkeit galt in manchen Zeiten in übersteigerter Weise als Ideal.
- Auch psychisch ist in jedem von uns mit Widerständen und Ängsten zu rechnen. Die Aufgabe, die verschiedenen Dimensionen der eigenen Sexualität wahrzunehmen und zu integrieren, begleitet unser ganzes Leben. Oft sind homosexuelle Tendenzen eher unbewußt, verdrängt oder verleugnet. dies fördert Projektionen und Abwehr, wenn uns Homosexualität im sozialen Umfeld begegnet.
- In unseren kirchlichen Gemeinden wird schon der Bereich der sogenannten normalen Sexualität meistens tabuisiert oder nur sehr subjektiv wahrgenommen. Eine wirklichkeitstfremde Idealisierung von Ehe und traditioneller Familie verhindert manchmal einen offenen und akzeptierenden Umgang mit diesem Themenfeld. Die neueren Erkenntnisse der Humwanwissenschaften über die Vielgestaltigkeit und die fließenden Grenzen sexueller Orientierung und sexuellen Verhaltens werden erst in Ansätzen berücksichtigt.
- Noch schwerer tun sich die Gemeinden, die Voraussetzungen für konstruktive, von gegenseitigen Verständnis getragene Gespräch über Homosexualität zu schaffen. Eine offene und hilfreiche Auseinandersetzung hierzu findet viel zu wenig in Seelsorge und Beratung, noch weniger in Verkündigung und Bildungsarbeit statt. dies unterbleibt nicht nur wegen individueller Befangenheit, sondern auch, weil viele befürchten, in Konflikt mit der Kirche bzw. kirchlichen Gruppierungen zu geraten.
Dabei mangelt es heut noch an Vertreterinnen und Vertretern der heterosexuell orientierten Mehrheit, die bereit und in der Lage sind, über die Grenze des "Normalen" hinaus zu sehen. Auch sind verständlicherweise Christen mit homosexuelller Orientierung selten bereit, über ihre Lebensform zu sprechen, weil sie sich damit der Gefahr aussetzen, verletzt oder diskriminiert zu werden.
- Wir sind überzeugt, dass unsere Kirche gegenüber Menschen mit homosexueller Orientierung eine moralische Mitschuld trägt und für ihre Unterdrückung und ihre Leiden in der Vergangenheit und auch noch heute mitverantwortlich ist. Deshalb halten wir mutige Schritt der Neuorientierung für dringend geboten und unaufschiebbar.
|
|
::
|
Leitlinien, Standpunkte, offene Fragen
|
 |
|
- Wir erleben heute eine umfassenden Wandel der Werte und Normen im Bereich Sexualität, Partnerschaft, Ehe und Familie. Frei gewähltes und persönlich verantwortetes sexuelles Verhalten wird heute von den meisten Menschen für selbstverständlich gehalten Um so stärker erleben Menschen mit homosexueller Orientierung heute ihre Diskriminierung, die in vielen gesellschaftlichen Bereichen nach wie vor besteht.
- Gerade in den christlichen Kirchen wird von manchen die Notwendigkeit betont, Homosexualität und ihre Ursachen wissenschaftlich zu erforschen und anthropologisch zu reflektieren, um Leitlinien für denn Umgang mit Menschen homosexueller Orientierung zu finden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Diskussion, ob und inwieweit Homosexualität als "angeboren" oder als "erworben" anzusehen ist. Je mehr sie als in der jeweiligen Lebensgeschichte verursacht gilt, um so mehr wird sie von manchen als Fehlentwicklung betrachtet. Damit wird häufig die Forderung verbunden, homosexuelles Verhallten zu unterlassen und eventuell therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. In der neueren Forschung wird jedoch darauf hingewiesen, dass eine einfache Kausalerklärung der Homosexualität unmöglich ist., sondern dass es sich um eine vielfältig bedingte Prägung handelt, die fast immer irreversibel und deshalb als Teil der Lebensrealität zu akzeptieren ist. Psychotherapeutische und psychiatrische Versuche, homosexuelle Orientierung zu verändern, sind gescheitert. Auch sind solche Bemühungen moralisch abzulehnen, wenn sie gegen den Willen der betroffenen Person unternommen werden.
- In diesem Zusammenhang wird häufig auf Aussagen in der Bibel verwiesen, welche bestimmte homosexuelle Praktiken (von Männern) in scharfer Form ablehnen. Das kirchliche Lehramt hat im Anschluss an diesen Aussagen gerade in den letzten Jahren mehrfach die Auffassung bekräftigt, dass es dem biblischen Menschenbild und der Schöpfungsordnung nicht entspreche, die Homosexualität einfach als ein der Heterosexualität gleichwertige sexuelle Prägung anzusehen.
- In er heutigen Theologie und auf ökumenischer Eben gibt es eine umfangreich und differenzierte Diskussion zu diesem Fragekreis. Sie kann hier nicht referiert werden. In vielen EInzelfragen - von der Exegese bis hin zu Moral - und Pastoraltheologie - gibt es unterschiedliche Argumentationen und Standpunkte. Schon die Interpretation wichtiger Aussagen der Bibel oder der kirchlichen Tradition ist oft schwierig, da der gesamte Bereich der Sexualität heute wesentlich differenzierter erlebt und reflektiert wird als früher. So ist es auch eine hermeneutische Frage, ob solche Aussagen zeit- und kulturbedingt sind oder zum gleichsam überzeitlich gültigen Kernbestand des christlichen Glaubens gehören. Das ist nicht nur in der katholischen, sondern auch in anderen christlichen Kirchen umstritten. Voreilige Festlegung sind deshalb unangemessen.
- Als Konsens zeichnet sich heute in der Gesellschaft und auch in der Kirche ab, dass sich jegliche Diffamierung und Diskriminierung von Menschen mit homosexueller Orientierung verbiete(vgl. Katholischer Erwachsenenkathechismus, 2. Bd. hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz, 1997, S. 387). Toleranz unterschiedlicher Überzeugungen und Lebensstile wird immer mehr als unverzichtbare Basis eines humanen und christlichen Zusammenlebens erkannt.
- Ebenso ist unter Christen unbestritten, dass jegliches sexuelle Verhalten verantwortlich am Liebesgebot orientiert gestaltet werden muss. Zu unserem christlichen Menschenbild gehört die zentrale Überzeugung, dass jeder Mensch als Geschöpf Gottes eine einmalige, unwiederholbare und unverwechselbare Person ist. Unabhängig von seinre sexuellen Orientierung kommt somit jedem Menschen die gleiche Würde zu, die zu respektieren und zu bewahren ist. Das Gebot der Liebe als Mitte christlichen Lebens gilt für alle und schließt ohne Einschränkung auch homosexuell orientierte Menschen mit ein. (Vgl. Kath. Erwachsenkatechismus,. 2. Bd., hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz, 1995, 21ff und 471f.)
- Für die eigene Lebenspraxis gilt, dass jeder verpflichtet ist, nach ethischen Wegweisungen und Orientierungen zu suchen und dabei insbesondere die Botschaft Jesu im Neuen Testament zum Maßstab zu machen. Das doppelte Liebesgebot zeigt sich dabei als- die höchste Richtschnur. Rücksichtnahme auf die Nächten und Achtung jedem Menschen gegenüber sind dessen Konsequenz. Das konkrete Tun oder Unterlassen ist in jedem Fall von dem Gewissen als "letzte maßgebende Norm der persönlichen Sittlichkeit" (Veris splenodor, Art. 60) zu verantworten. Dies gilt selbstverständlich auch im sexuellen Bereich. Niemand kann sein Verhalten durch Verweis auf allgemein Aussagen oder Normen allein rechtfertigen.
|
|
::
|
Empfehlungen für die kirchliche Praxis
|
 |
|
Offene Kommunikation als Chance
Die Beschäftigung mit dem Thema Homosexualität und die offene Begegnung von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung ist als Chance zu begreifen und kann für alle einen Gewinn darstellen.
Die Ausgrenzung und Diskriminierung homosexuell orientierter Menschen muss beendet werden. Ihnen ist zu ermöglichen, was für Heterosexuelle selbstverständlich ist: Christsein, sexuelle Orientierung und Partnerschaft verantwortlich zu leben, Verständnis und Toleranz zu erfahren und als vollwertige Gemeindemitglieder Kirche und Gesellschaft mitzugestalten.
Homosexuelle Liebe gibt Anlass, über gelingendes Leben und Lieben, über Freundschaft, Fruchtbarkeit, Geschlechterrollen und Lebensformen neu nachzudenken und ins Gespräch zu kommen. Es geht dabei zunächst um das Gespräch mit denjenigen, die in ihrem Glauben der Kirche nahestehen, sich aber in bezug auf ihre sexuelle Orientierung durch kirchliche Aussagen verletzt und ausgeschlossen fühlen. Viele von ihnen sind ehren- oder hauptamtlich in der Kirche engagiert, ohne von ihr in ihrer sexuellen Orientierung wahrgenommen zu werden. Es geht aber auch um das Gespräch mit jenen, die in der Kirche keine Heimat gefunden haben oder sie wieder verlassen haben.
Konkrete Forderungen
- Die Betroffenen müssen zu Wort kommen können und Gelegenheit erhalten, über ihre Erfahrungen zu sprechen und ihre Anfragen an Kirche und Gesellschaft öffentlich zu formulieren.
- Als wesentlicher Teil pastoraler Lebensbegleitung muss die Hilfe bei der Suche und Entwicklung der eigenen Identität in sexueller und partnerschaftlicher Hinsicht mehr noch als bisher gefördert werden. Dies wird angesichts der durch die Massenmedien weithin vermittelten Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit in allen Fragen sexueller Lebensgestaltung immer dringlicher. Für Verkündigung, Jugend- und Bildungsarbeit sind einige Arbeitshilfen und pädagogische Modelle schon vorhanden. Sie müssen weiterentwickelt, verbreitet und angewendet werden.
- Die kirchlichen Beratungsstellen sind in ihrem Angebot zu unterstützen und so auszustatten, dass die homosexuellen Jugendlichen und Erwachsenen noch mehr als bisher geschützte Orte der Hilfe und der persönlichen Identitätsklärung sein können.
- Das gesamte Themenfeld Sexualität und Partnerschaft muss in der Ausbildung kirchlicher Mitarbeitet angemessen behandelt werden.
- Eine besondere Herausforderung stellt die bisherige Diskriminierung kirchlicher Mitarbeitet und Mitarbeiterinnen mit homosexueller Orientierung dar. Ob es sich um Priester und Ordensfrauen, um hauptamtliche pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oder um ehrenamtlich aktive Gemeindemitglieder handelt. so ist klar: Wenn Toleranz gegenüber und Nichtdiskriminierung von homosexuellen Menschen gefordert wird, dann muss diese Forderung selbstverständlich auch innerhalb der Kirche gelten.
- Die Kirche muss ihren gesellschaftlichen Einfluss nutzen, um einen bestimmten rechtlichen Schutz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in bestimmten, für das Zusammenleben wichtigen Bereichen vor dem Gesetz durchzusetzen. Hierbei geht es unter anderem um die gegenseitige Unterhaltsverpflichtung sowie Unterhaltsberechtigung, das gesetzliche Erbrecht im Todesfall, den Mieterschutz im Fall des Todes des Partners, das Auskunftsrecht im Fall einer Krankheit des Partners.
Diese Forderung gilt unbeschadet des besonderen Schutzes von Ehe und Familie entsprechend Art. 6 Grundgesetz.
|
|
|
|
 |