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Auf einer Pressekonferenz stellte die Senatorin für Schule, Jugend und Sport, Ingrid Stahmer, die erste im deutschsprachigen Raum durchgeführte empirische Studie "Sie liebt sie. Er liebt ihn." zur psychosozialen Situation lesbisch, schwul und bisexuell orientierter Jugendlicher vor.
Grundlage dieser Studie sind die Antworten von insgesamt 217 jungen Menschen aus Berlin im Alter von 15 bis 27 Jahren, wobei der Anteil der weiblichen und männlichen Teilnehmenden in etwa gleich ist. Die Verteilung der Fragebögen erfolgte überwiegend in lesbisch-schwulen Beratungsstellen. Die Untersuchung führte die Senatsverwaltung, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, durch. Die Auswertung nahm die Autorin Karin Schupp vor und einen Exkurs zur Suizidgefährdung von homosexuellen Jugendlichen lieferte Prof. Dr. Thomas Hofsäss. Herausgegeben wird die Studie von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport zusammen mit der GEW Berlin.
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Zentrale Ergebnisse dieser Studie sind:
- Bemerkenswert ist, dass der Coming Out Prozeß überwiegend zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr stattfindet. Über 40 % der weiblichen und über 60 % der männlichen Befragten erleben ihr Coming-Out - den Prozeß des Sich-Bewußt-Werdens der eigenen Homosexualität - vor dem 18. Geburtstag. Der Kontakt zu anderen Lesben, Schwulen und Bisexuellen ist dabei entscheidend, da er ihnen hilft, sich ihrer sexuellen Identität sicher zu werden.
- Mindestens ein Elternteil reagiert negativ auf die Homosexualität ihrer Tochter oder ihres Sohnes. Negative Reaktionen von ihrem sozialen Umfeld- von Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt- haben 2/3 der Befragten erlebt. Pädagoginnen und Pädagogen, denen sich Jugendliche anvertrauen, bieten in der Regel wenig Unterstützung oder Informationen an, die diese Jugendlichen dringend benötigen. Folglich bleiben junge Schwule und Lesben mit der Anforderung der Identitätsentwicklung und der Erschließung neuer Lebensperspektiven allein. Einsamkeit ist daher auch das am häufigsten genannte Problem der jungen Lesben und Schwulen.
- Informationen über lesbische und schwule Lebensweisen sowie Vorbilder haben die Jugendlichen kaum. Hier bietet die Schule nach wie vor wenig bis gar keine Informationen. Die Beziehungen im nahen Umfeld der Jugendlichen ist die wesentlichste Informationsquelle. Dies bedeutet, dass in erster Linie die gleichaltrigen Jugendlichen auf das Coming Out ihrer Freunde/Freundinnen, und Mitschüler/Mitschülerinnen vorbereitet sein müssen.
- Der Prozeß des Coming Outs, der ohnehin in eine eher problembelastete Zeit fällt - Pubertät und frühe Jugendphase - bringt eine Reihe von zusätzlichen Problemen mit sich. Obgleich die Jugendlichen überwiegend - 73 % der männlichen und 69 % der weiblichen Befragten - ein positives Selbstbild entwickeln, spiegelt ihnen ihr heterosexuelles Umfeld eine andere Realität. So sind es die ablehnenden und abwehrenden Reaktionen von außen, die die Jugendlichen häufig in die Rolle des "Andersseins" drängen. Um so mehr sind diese Jugendlichen psychosozialen Belastungen ausgesetzt und gefordert, Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Mehr als die Hälfte aller Befragten versuchten, mit Alkohol oder anderen Drogen sowie mit weiteren alarmierenden Strategien ihre Schwierigkeiten zu verkraften.
- Selbsttötungsversuche sind wohl die gravierendste Form, auf Ausgrenzungsprozesse zu reagieren. Die Suizidgefährdung von gleichgeschlechtlich orientierten Jugendlichen und Heranwachsenden ist vier mal so hoch wie die der heterosexuellen Gleichaltrigen. 18 % aller Befragten gaben an, mindestens einen Suizidversuch hinter sich zu haben.
- Hilfe bei Problemen suchen und finden die Jugendlichen überwiegend bei lesbisch-schwulen Beratungsstellen. Mehr als die Hälfte der Mädchen/Frauen und Jungen/Männer die eine Beratungsstelle aufsuchten, nennen die Institutionen Lesben- und Schwulenberatung,Mann-o-Meter, das Jugendnetzwerk Lambda und den Sonntagsclub. Die meisten wünschen sich spezielle Beratungs- und Freizeitangebote gerade für junge Lesben und Schwule.
- An der Befragung haben überwiegend Jugendliche teilgenommen, die ihr Coming-out bewältigt haben bzw. sich bereits in der lesbisch-schwulen "Szene" bewegen. Dass die Belastungen auch unter diesen Jugendlichen relativ hoch sind, ist ein alarmierendes Ergebnis der Studie.
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Frau Stahmer machte deutlich, daß die Ergebnisse der Studie Anlaß geben für Konsequenzen in Elternhaus, Schule und Jugendhilfe:
Die Eltern als primäre Bezugspersonen können einen wesentlichen Einfluß auf die positive Identitätsentwicklung ihrer Töchter und Söhne nehmen, indem sie sich schon früh mit der Möglichkeit einer homosexuellen Entwicklung ihres Kindes beschäftigen.
Informationen, Broschüren, Ratgeber und Beratungsangebote für Eltern gleichgeschlechtlich orientierter Kinder sollen breiter gestreut und einfacher zugänglich werden.
Die Schule hat die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen ausführliche und vorurteilsfreie Informationen über gleichgeschlechtliche Lebensweisen zu vermitteln.
Weil die gleichaltrigen Jugendlichen meist diejenigen sind, die in das Vertrauen ihrer lesbischen Mitschülerinnen oder schwulen Mitschüler gezogen werden, ist es wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler informiert sind und eine akzeptierende Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen entwickeln können. Die Senatsverwaltung wird neue Richtlinien zur Sexualerziehung schaffen, die es Lehrkräften besser als bisher ermöglichen, Homosexualität zu thematisieren. Eine integrierte Behandlung in verschiedenen Unterrichtsfächern ist vorgesehen.
Frau Stahmer forderte die für Jugendhilfe Verantwortlichen auf Landes- und Bezirksebene auf, ihren Blick für die Existenz und die Problemlagen junger Lesben, Schwuler und Bisexueller zu schärfen. Der Erhalt und die Weiterentwicklung lesbisch-schwuler Projekte und Beratungsstellen - insbesondere derjenigen mit Angeboten für junge Lesben und Schwule - ist eine unverzichtbare Aufgabe.
Einen konkreten Schritt zur Umsetzung der Ergebnisse der Studie in der Jugendhilfe unternimmt aktuell der Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Dort ist seit Januar 1999 eine sozialpädagogische Mitarbeiterin tätig, deren Auftrag es ist, in Gremien und Einrichtungen der Jugendhilfe die spezifischen Belange junger Lesben, Schwuler und Bisexueller einzubringen.
Abschließend wies Frau Stahmer darauf hin, dass unter den Jugendlichen, die an der Befragung teilnehmen, nur sehr wenige junge Menschen mit niedrigem Bildungsabschluß sowie ausländischer Herkunft waren. Hieraus ergibt sich ein Handlungsbedarf, Methoden und Modelle zu entwickelt, die weniger privilegiertere Jugendliche ansprechen. Konsequenterweise muß die Aufklärungsarbeit in Haupt-, Sonder- und Gesamtschulen intensiviert werden. Einrichtungen der Jugendhilfe wie z. B. Jugendclubs sind gefordert, lesbisch-schwule Lebensweisen von sich aus zu thematisieren und sichtbar werden zu lassen. Dadurch tragen sie zu einem von Respekt geprägten Umgang junger Menschen untereinander bei.
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Die Studie "Sie liebt sie. Er liebt ihn." aus dem Jahre 1999 ist erhältlich bei: Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Beuthstr. 6 - 8, 10117 Berlin, Pressestelle, Tel. 030/ 90 26-58 73, Fax: 90 26-50 20. |
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