Gerd Winner: Passio (Leiden)


Gerd Winner: Passio (Leiden), 1987

 

Predigt von P. Fritz Wieghaus OP

Wer St. Albertus Magnus durch das Hauptportal betritt, richtet von selbst den Blick nach vorne und macht die Erfahrung, dass diese Kirche einen prägnanten Mittelpunkt hat. Die Mitte ist der Altar und das Altarbild. Unsere Augen brauchen diese Mitte nicht zu suchen, sie werden wie von selbst dorthin geführt.

Der Altarraum wird beherrscht durch ein großes, zeitgenössisches Kreuz. Wer die Kirche betritt, kann sich diesem großen Kreuz nicht entziehenwie

  • im wahren Leben, wo wir uns den Kreuzen des Alltags auch nicht entziehen können.
  • Wir finden sie buchstäblich auf der Straße wie auf unserem Altarbild.

Wer die Kirche betritt, um hier Gottesdienst zu feiern, eröffnet in der Regel das Gebet mit dem Kreuzzeichen, mit dem Zeichen unseres Heiles. Ob nun äußerlich oder innerlich, wir Christen stehen unter dem Kreuz, dem Zeichen Jesu Christi, das uns an diesem Ort hier beherrschend, fragend und faszinierend gegenübersteht.

Bereits die technische Konstruktion und Ausführung der Kreuzesdarstellung ist faszinierend. Durch sie ist die Möglichkeit geschaffen, das Kreuz als Trilogie unter drei verschiedenen Aspekten zu gestalten.

Glaubensgeheimnisse des Rosenkranzes

Die Trilogie greift in Anlehnung an die Gebetsform des Rosenkranzes drei Glaubensgeheimnisse auf:

  • Im freudenreichen Rosenkranz betrachten wir die Menschwerdung Jesu durch Maria. Dies entspricht der INCARNATIO-Seite.
  • Im schmerzhaften Rosenkranz das Leiden und Sterben Jesu. Dies entspricht der PASSIO-Seite.
  • Im glorreichen Rosenkranz die Auferstehung und Verherrlichung Jesu. Dies entspricht der GLORIFICATIO-Seite.

Das Leben, Leiden und Sterben sowie die Auferstehung und Verherrlichung Jesu werden im Rosenkranz meditativ-wiederholend betrachtet.

Der Rosenkranz lädt uns ein, die Geheimnisse unseres Glaubens zu bedenken und offen zu sein für Gott und offen zu sein für ein Leben im Geist und der Gesinnung Jesu.

Prof. Gerd Winner, der Künstler unseres Altarbildes, hat alle Formen und Zeichen dieser „Kreuztrilogie – Rosenkranz“ aus der Wirklichkeit des täglichen Lebens entnommen.

Unsere Zeit ist ja geprägt von Mobilität, vom Unterwegs-Sein. Deshalb sind auf diesem religiösen Bild auf der Straße gefundene und photographierte Fahrbahnmarkierungen, auf denen Menschen ihre Spuren hinterlassen haben, in einem längeren künstlerischen Prozess bearbeitet und zu Symbolen unseres Lebens und Glaubens verdichtet worden.

Haltung des Schauens

Die Form der Verdichtung und Abstraktion zeichnet moderne Kunst wie auch moderne Lyrik oder moderne Musik aus. Moderne Kunst, so erfahre ich es oft, ist nicht sofort und unmittelbar zu durchschauen.

Wer sich mit ihr beschäftigt, erfährt, wie rätselhaft, verschlossen und verschlüsselt sie ist, oft fremd und unzugänglich, manchmal verschlossen, eben verdichtet und voller Fragen.

Genauso ist es übrigens auch bei der Begegnung mit Menschen, überträgt der Pfarrer von Wangerooge Kurt Weigel:„
Wenn ich mit Menschen spreche, ungeduldig, nach Sinn und Zielen frage, erfahre ich oft: sie bleiben verschlossen; sie geben nichts von ihrem Geheimnis preis.
Wenn es mir jedoch gelingt, ruhig, wartend zu lauschen und zu schauen, mich heranzutasten, meine Interessen und Vorstellungen loszulassen, dann öffnet sich plötzlich ein großer Reichtum.
Wie in einem Kunstwerk begegnet mir in jedem Menschen ein Geheimnis, das nicht durch Sehen, sondern durch Schauen, nicht durch Hören, sondern durch Lauschen verstanden werden kann.
Und was wäre, wenn nicht gerade ein Christ Sinn für das Geheimnis hätte?“

Dieser Gedanke hat mir persönlich einen tiefen Zugang zu moderner Kunst und in besonderer Weise zu unserem Altarbild eröffnet.
Einen Zugang kann ich finden in der Haltung des Schauens, in der Haltung der Offenheit und in der Bereitschaft, mich langsam herantasten zu wollen.
Ein stiller, wartender Betrachter braucht Zeit und Ruhe:
Schauen – anschauen – sich einlassen – mit den Augen wandern – entdecken – spüren, was das Bild in mir selbst auslöst – keine vorschnellen Lösungen und Antworten erwarten.

„Kommt und seht“ sagt Jesus im Evangelium seinen Jüngern, um sie in seine Nachfolge zu rufen. Am Anfang steht die Einladung zum Schauen – damals wie heute.

Künstlerische Darstellungen erschließen sich nur, wenn ich ihnen gegenübertrete mit Geduld, Zeit und Offenheit sowie Respekt vor ihrem Geheimnis.

Glorificatio

In dieser Haltung möchte ich nun das österliche Altarbild beschreiben und Sie an meinen subjektiven Beobachtungen teilnehmen lassen:

Ich sehe ein frohes, festliches und feierliches Bild, aus dem die Freude über die Verherrlichung des Auferstandenen, der Osterjubel, die Überwindung des Todes spricht.

Die dunklen Kreuze weisen auf die Polarität hin, in der das ganze Ostergeschehen sich bewegt: Karfreitag und Ostern gehören zusammen.

Beherrschende Farben des Bildes sind Weiß, Gelb und Rot. Die Farbe Weiß steht für Licht, Luft, Leichtigkeit. Nach oben nehmen die weißen Flächen zu. Das Kreuz baut sich von unten nach oben wie von schwer nach leicht auf. An der Spitze ist das einzige symmetrische Bild der Kreuzestrilogie zu sehen: das Dreieck, ein altes christliches Symbol für die Dreifaltigkeit. Die Linienführung des Altarbildes geht nach oben. Weiß, Gelb, Rot: Licht, Freude, Erlösung. Auferstehung – das Kreuz ist verschoben, der Rahmen ist gesprengt.

Geheimnis des Glaubens:
Deinen Tod o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wirbis du kommst in Herrlichkeit.
Geheimnis – nicht darstellbar, nicht einfangbar mit den Mitteln menschlichen Geistes und menschlicher Kreativität.

Es gibt nur Hinweise, die noch entschlüsselt werden müssen: Zeichen, die sich wiederholen, Linien, die sich durchkreuzen. Und alles hat ein Ziel und findet einen Abschluss: Ganz oben, eingefasst von Rot und Gelb, ein lichtes Dreieck.

Die Botschaft Jesu führt uns auf den Weg, der aufwärts führt zum dreifaltigen Gott. Diesem Jesus nachzufolgen, heißt, ihm beim Wort zu nehmen, wenn er sagt: Kommt und seht.

Das Altarbild der Dominikanerkirche St. Albertus Magnus ist Ausdruck dieses Glaubens. Es ist eine Einladung, über das Kreuz im Glauben zu meditieren. Es ist eine Einladung zum Schauen: Kommt und seht.

© Fritz Wieghaus, Braunschweig 2006

 

Informationen zum Werk

Beherrschender Mittelpunkt des Kirchenraumes ist der Altar mit dem darauf bezogenen großformatigen Altarbild "Kreuztrilogie Rosenkranz" von Gerd Winner aus dem Jahre 1987.

Das Altarbild besteht aus 3 Elementen: einer freistehenden Mittelsäule und zwei Seitenteilen, die rechts und links der Mittelsäule freischwebend an der Wand aufgehängt sind, so daß sich die Form des Kreuzes ergibt.

Jedes dieser 3 Elemente ist von seiner Grundfläche ein gleichseitiges Dreieck, so daß sich je drei 'dreieckige Säulen' ergeben. Alle drei Säulen sind drehbar. Dadurch ist es möglich, das Altarbild in je drei Versionen mit 3 unterschiedlichen Schauseiten im Laufe des Kirchenjahres alsTriologie zu verändern.

Jede Schauseite setzt sich zusammen aus 9 Bildtafeln im Format von jeweils 1,25m x 2,25m. So ergibt sich für das Altarbild in seinen drei Schauseiten eine Gesamtzahl von 27 Bildtafeln. Zusammen mit dem Sockel ist das Bild ca. 7,15 m hoch und ca. 7m breit. Altar und Altarbild finden ihre formale Zuordnung dadurch, daß die Bildtafeln das Format des Altarsteins (1,25m x 2,25m) aufnehmen.

Inhaltlich ist das Altarbild (Kreuztrilogie Rosenkranz) auf die Tradition des Dominikanerordens bezogen. Der Rosenkranz ist eine seit dem 14. Jahrhundert von den Dominikanern praktizierte und stark verbreitete Gebetsform, die die Glaubensgeheimnisse der Menschwerdung (Incarnatio), des Leidens und Sterbens (Passio) sowie der Auferstehung und Verherrlichung (Glorificatio) Jesu meditativ-wiederholend betrachtet, verbunden mit der Anrufung Marias als dem Prototyp des glaubenden Menschen und dem Urbild der Kirche.

Die 3 Elemente des Rosenkranzes geben die Form des Altarbildes als Trilogie vor. Zu festen Zeiten im Laufe des Kirchenjahres werden nach der Tradition mittelalterlicher Klappaltäre die Schauseiten gewechselt.

 

Informationen zum Künstler